Sudenburger Denkmale

Todesmarschdenkmal

Todesmarschdenkmal
Gedenkstein auf dem Karl-Liebknecht-Platz
Foto: Thomas Garde (2017)

Gedenkstein
für die KZ-Häftlinge, die im April 1945
Opfer eines Todesmarsches wurden.


"Auf dem Karl-Liebknecht-Platz in Sudenburg gemahnt ein Findling mit rotem Winkel vor blau-weißgestreiftem Grund an einen "Todesmarsch" von KZ-Häftlingen. Eine Sinnerläuterung fehlt jedoch."
So wird das Denkmal im Buch "Gedenkstätten für die Opfer des NS"(1) aus dem Jahr 2000 beschrieben. Die Autoren des Wikipedia-Artikels "Liste der Gedenkstätten in Magdeburg"(2) ergänzen den Eintrag zutreffend mit der Zeitangabe "April 1945".

Weitere Informationen liefert eine Zeitzeugin:
Der Stein wurde vermutlich 1946 oder 1947 aufgestellt und stammt aus Ottersleben, wo er auf einem Feld gelegen hat. Aufgestellt wurde er von ehemaligen KZ-Häftlingen, die als politische Widerstandskämpfer gegen Hitler inhaftiert waren. Initiator sei Karl Rohkamp gewesen. Die ehemaligen KZ-Häftlinge sind inzwischen verstorben und haben ihre letzte Ruhe im OdF-Feld (Opfer des Faschismus) des Magdeburger Westfriedhofs gefunden.
Die Zeitzeugin, Frau Edith Schütte aus Sudenburg, ist Tochter des ehemaligen politischen KZ-Häftlings Erich Klein. Die Magdeburger Volksstimme veröffentlichte ihre Erinnerungen am 28. Januar 2020.(3)

Trotz intensiver Recherchen konnten bisher keine weiteren schriftlichen Informationen ausfindig gemacht werden. Weder in der Stadtverwaltung, noch in den Magdeburger Archiven fanden sich Bauakten oder Unterlagen zum geschichtlichen Hintergrund des Gedenksteins. In der offiziellen Denkmalliste der Stadt Magdeburg ist der Stein bisher nicht geführt.

Die Errichtung des Denkmals auf damals Groß-Ottersleber Grund fällt genau in die turbulente Übergangszeit zwischen Kriegsende und Staatsgründung der DDR. Unklar ist, wer die Errichtungsgenehmigung erteilte. Sowohl eine zivile Stelle, als auch die Sowjetische Militäradministration kommen infrage. Erst mit der Eingemeindung Otterslebens 1952 fiel das Denkmal in die Zuständigkeit der Stadt Magdeburg.

Hintergrund:
Unmittelbar nach Kriegsende gründeten Überlebende der unterschiedlichen Verfolgtengruppen die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" (VVN). Die VVN initiierte in den ersten Nachkriegsjahren eine Reihe von Mahnmalen und Gedenkeinrichtungen und veranstaltete zu den Jahrestagen der Befreiung und zu anderen Gedenktagen eindrucksvolle Feiern unter großer Anteilnahme der Bevölkerung.(4)
Auch die Errichtung des Denkmals auf dem Karl-Liebknecht-Platz dürfte auf die VVN zurückgehen. Der Findling ist ca. 1,10 m breit und 1,65 m hoch, die Sockelbreite beträgt etwa 1,90 m. Die Metallplatte misst 40 x 41 cm. Der blau-weißgestreifte Grund symbolisiert die Häftlingskleidung, das rote Dreieck (auf der linken Brustseite aufgenäht) kennzeichnete den politischen Gefangenen.

Bereits kurz nach Kriegsende begann die politische Heroisierung der kommunistischen Häftlinge zu Widerstandskämpfern. Andere Verfolgtengruppen (Juden, Sozialdemokraten, Homosexuelle, etc.) traten dadurch zunehmend in den Hintergrund. Im Februar 1953 kam es zur staatlich verfügten Auflösung des VVN. Unter SED-Kontrolle war die Erinnerungskultur zunehmend politisch geprägt und konzentrierte sich auf die Hervorhebung der DDR als antifaschistischer Staat. Viele VVN-Denkmale gerieten zunehmend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit, ihre Bedeutung in Vergessenheit.

Unterhaltung und Pflege:
Da die Grünfläche am Karl-Liebknecht-Platz heute durch den Eigenbetrieb Stadtgarten und Friedhöfe (EB SFM) bewirtschaftet wird, wurde diesem auch die Aufgabe der Pflege und Unterhaltung des Denkmals übertragen. Die letzte Sanierung erfolgte 2015. Sockel und Felsen wurden gereinigt, der Anstrich der Platte erneuert.(5)

Der Todesmarsch:
Es ist nicht überliefert, ob das Denkmal allgemeiner Natur ist, oder auf einen speziellen Todesmarsch abzielt. Zwei Todesmärsche könnten am 08.04.1945 den Ort des Gedenksteins passiert haben. Mit Anrücken der Alliierten wurden die KZ-Außenlager bei Blankenburg (Harz) "Turmalin" und "Klosterwerke" geräumt. Die dort zur Arbeit eingesetzten KZ-Häftlinge wurden in mehreren Gruppen von jeweils etwa 100 Personen in Marsch gesetzt. Wer von den geschwächten, schlecht ernährten Häftlingen nicht mehr weiter konnte, wurde von den SS-Wachleuten gnadenlos erschossen. Die Leichen blieben häufig einfach am Wegrand liegen. Der Todesmarsch "Klosterwerke" führte über Halberstadt, vorbei an Egeln und erreichte am 07.04.1945 Langenweddingen. Nach kurzer Rast in einer Scheune ging es in der Nacht weiter. Über Ottersleben ging es quer durch Magdeburg und auf die andere Elbseite. Am frühen Morgen wurde das Ziel an der Elbe erreicht und die Häftlinge mussten in einen Schubkahn kriechen. Darin befanden sich bereits die zumeist jüdischen Häftlinge des Lagers Turmalin. Deren Marsch hatte wohl ebenfalls die Route über Ottersleben genommen und erreichte den Kahn etwa zwei Stunden früher. Etwa 750 Häftlinge befanden sich dicht zusammengedrängt in den Frachträumen, ca. 400 Personen des Lagers Klosterwerke, ca. 350 aus Turmalin. Per Schiff ging es von Magdeburg weiter elbabwärts bis Lauenburg, von dort dann weiter mit Ziel Schleswig-Holstein. Am 11,04.1945, nur drei Tage nachdem die beiden Märsche Magdeburg passiert hatten, erreichten die Amerikaner Ottersleben.
Drei aufgefundene tote Häftlinge wurden am 08.04.1945 auf dem Ottersleber Friedhof bestattet. Sie konnten dem Marsch "Turmalin" zugeordnet werden. Ein Toter wurde als ein im KZ Auschwitz registrierter Häftling identifiziert, die beiden anderen Toten waren Belgier, einer davon ein prominenter Kirchenvertreter.(6)

Quellen:

  1. Beatrix Herlemann, "Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus" Band II, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn, 2000, S. 568
  2. Wikipedia, Artikel: "Liste der Gedenkstätten in Magdeburg" Online
  3. Christina Bendings, Artikel: "Gedenkstein-Rätsel ist nahezu gelöst", Magdeburger Volksstimme vom 28.01.2020.
  4. Beatrix Herlemann, "Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus" Band II, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn, 2000, S. 500f
  5. Informationen aus Antwortschreiben der Landeshauptstadt Magdeburg vom 12.11.2018.
  6. Joachim Neander, "Das Konzentrationslager Mittelbau in der Endphase der nationalsozialistischen Diktatur", Papierflieger, 1998, S. 417ff
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Bearbeitungsstand: 30.11.2020

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