Die Industriegeschichte Sudenburgs

Firmenblatt: Bearbeitungsstand: 22.06.2017

Robrahn & Co. GmbH

Steindruckerei

Firmendaten:

Gründung - Ende: 1823 - 193?
Gründer: Eduard Robrahn (* 24.06.1793 in Stettin, † 19.01.1868 in (wahrsch.) Magdeburg)
Standort(e): 1823 - >=1856: Magdeburg, Breiter Weg 202 [1], später Nummer 122 [2]
>=1856 - 1901: Magdeburg, Große Klosterstraße 11 [2]
1901 - >=1932: MD-Sudenburg, Ambrosiusplatz 5 / 6 [2]
Produkt(e): Litographien, Bilderbogen, Bilderbücher.
Nach 1921 (im Offsetdruck) auch: Etiketten, Werbeplakate, Kataloge, sowie Drucksachen für Industrie, Handel und Gewerbe.
Bemerkungen: Lage der ehemaligen Standorte am Breiten Weg in der Magdeburger Altstadt unklar. Ebenso die genauen Umzugsdaten.  Zusätzlich zu den oben genannten Adressen gibt das Buch "Ganz Magdeburg und seine Umgebungen. Ein treuer Rathgeber und vollständiger Wegweiser für Fremde und Einheimische. ... " von 1842 auf Seite 92 für Robrahn & Comp. den Standort "Weinfaßstraße 8" an.
Robrahn Briefkopf von 1904
Briefkopf von 1904.
[Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]

Firmenchronik:

Jahr: Ereignis:
1823 21.05.: Firmengründung als "Eduard Robrahn, Lithographisches Institut"
Eduard Robrahn hatte im Vorfeld die (Stein-)"Druckerei von Friedrich Cuny, Breiter Weg 23 (Ecke Kochstraße)" (*) übernommen und nun am Standort Breiteweg 202 seine eigene Lithographische Anstalt mit Papierhandel eröffnet.
R. widmete sich nicht sofort ausschließlich seiner neuen Druckerei, sondern blieb noch einige Zeit "nebenamtlich" als Chef der Buchhalterei der Magdeburgischen Feuerversicherung tätig.
(*) Lt. Stadtplan 1829 "Kuhstraße", nicht wie in [2] angegeben "Kochstraße". 1838 wurde sie in "Berliner Straße" umbenannt.
  August: Als eine der ersten Arbeiten erscheint die
"Ansicht der Stadt Magdeburg zur Zeit des Sturmes durch Tilly".
Am 16.08.1823 wird die Veröffentlichung und die Auslieferungen dieser Arbeit an die Subskribenten (Vorbesteller, die sich durch Unterschrift zum Kauf verpflichtet haben) in der Magdeburgischen Zeitung angekündigt. Der Stückpreis ist mit 1 Thaler und 15 Silbergroschen festgelegt. [2]
1824 09.03.: Einführung des "Überdrucks".
Mit einer Anzeige gibt R. die Einführung dieser noch wenig verbreiteten Drucktechnik bekannt. Sie ermöglicht eine kostengünstigere Produktion, da auf "stechen, setzen oder lithographieren" verzichtet werden kann. Die Technik ermöglicht es, mit einer chemischen Tinte (auch direkt vom Kunden) erstellte Vorlagen direkt auf den Stein zu übertragen und abzudrucken. Die Anzeige verspricht dem Kunden 100 Abdrücke und mehr in zwei Stunden. [2]
1833 02.10.: Anzeige in der Magdeburgischen Zeitung:

"Wir zeygen hiermit ergebenst an, daß wir außer den längst bekannten feinen Bilderbogen, jetzt noch in ordinären Bilderbogen eigener Fabrik Lager halten, die wir bey schöner Qualität und reicher Auswahl billig verkaufen.
Robrahn & Comp
Lithograph. Institut
Kunst= und Papierhandlung"


Die Anzeige belegt, dass inzwischen ein Teilhaber in die Firma eingetreten ist. Wann genau die Umfirmierung erfolgte und wer der Compagnon war, ist nicht überliefert. Neben der Umfirmierung ist in der Anzeige auch erstmals die Produktion von Bilderbogen nachgewiesen. [2]
1856 01.12.: Firmenübergabe an Sohn Rudolph.
Im Alter von 63 Jahren gibt Eduard Robrahn die Firmenleitung an seinen Sohn weiter.
Rudoph Robrahn (* ????, † 01.03.1901 in Magdeburg) führt die Druckerei unter dem bestehenden Namen "Robrahn & Co." fort. Die Adresse des "Geschäfts-Locals" ist mit "Breiteweg 122" angegeben. Rudolph blickte zu diesem Zeitpunkt bereits auf zehn Jahre praktische Tätigkeit als Lithograph zurück, davon acht Jahre im väterlichen Betrieb. [2]
Anm.: Ob es sich bei dem "Geschäfts=Local" Breiter Weg 122 um einen Umzug der Druckerei, eine Neunummerierung des "Breiten Weg" oder um einen zusätzlichen Verkaufsladen handelt, ist noch unklar.
1856-1888 In den Folgejahren wurde das Sortiment stetig erweitert und der Maschinenpark auf aktuellem technischen Stand gehalten. Zusätzlich ins Sortiment aufgenommen wurden "Kinder-Bilderbogen", die sich durch eine geringere Papierqualität von den traditionellen Bilderbogen unterschieden. Ebenfalls wurde die Produktion von Laubsäge-, Kerbschnittvorlagen und Heiligenbildern aufgenommen.
Durch die gute Entwicklung und die Ausweitung der Produktpalette wurden die Räumlichkeiten bald zu eng und die Druckerei wurde in die Große Klosterstraße 11 verlegt. Dank der Anschaffung moderner Schnellpressen konnte der stetig steigende Absatz bewältigt werden.[2]
Anm.: Das genaue Jahr des Umzugs ist ungeklärt. Alle als Firmenadresse genannten Gebäudein in der Magdeburger Innenstadt existieren heute wegen Abriss oder Kriegszerstörung nicht mehr.
1876
Katalog Robrahn 1876
Deckblatt eines 32-seitigen Bilderbogenkatalogs von 1876.
Quelle: Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
© Foto: Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin. (CC) BY-NC-SA 3.0
1889 24.01.: Rudolph Robrahns Sohn tritt als Teilhaber in die Firma ein.
Rudolph Robrahn (jun) (* 29.03.1865, † 1917) übernimmt im Alter von 23 Jahren die Teilhaberschaft.
Er heiratet Else Hauch (* ????, † ????), Tochter des kaufmännischen Leiters der Zuckerfabrik Dedeleben. Nach seinem Eintritt wird die etwas vernachlässigte Produktion von Bilderbüchern wieder intensiviert. Aus den anfangs 18 verschiedenen Bilderbüchern sollten im Laufe der Zeit über 1.000 werden. Durch verschiedene Geschäftsreisen, die ihn auch ins Ausland führten, konnte Rudolph (jun) neue Kunden gewinnen und das Vertriebsgebiet erweitern. Kauf und Einsatz der immer neuesten Drucktechnik befähigten die Firma mit dem steigenden Auftragsaufkommen Schritt zu halten. Der Betrieb wächst ständig, so dass der Standort Große Klosterstraße den Platzanforderungen bald nicht mehr genügt und man sich nach einem größeren Grundstück umsieht. In der Vorstadt Sudenburg wird man fündig. [2]
1901 Umzug nach Sudenburg
Es gelang das Grundstück Ambrosiusplatz 5/6 vom Kaufmann Johann Heinrich Knape zu erwerben, das dieser 1889/90 nach Plänen des Architekten Hugo Bahn mit einer großzügen Villa bebauen ließ. Hinter der Villa erstreckte sich ein 75 x 40 m großer parkähnlich angelegter Garten mit Pavillon und Gewächshaus.
Entlang der südlichen Grundstücksgrenze wird das neue, zweigeschossiges Druckereigebäude errichtet. Die Grundfläche beträgt ca. 53 x 9 m. [3]
Rudolph Robrahn (sen) erlebt den Umzug nicht mehr mit. Er verstirbt plötzlich am 01.03.1901. [2]
1902
Robrahn Briefkopf von 1902
Briefkopf von 1902. Alter Vordruck mit Stempelhinweis auf neuen Standort in Sudenburg.
[Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]
1902 Rudolph Robrahn (jun) holt seinen Schwager Eugen Hauch (* ????, † ????) als Teilhaber in den Betrieb. [2]
1904
Robrahn Bilderbogen Rumpelstielzchen um 1904
Kinderbilderbogen "Rumpelstielzchen", um 1904.
Quelle: Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
© Foto: Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin. (CC) BY-NC-SA 3.0
1914 Der Ausbruch des ersten Weltkriegs trifft den Betrieb schwer und der Absatz bricht ein. Es gelang jedoch durch Umstellung auf die in dieser Zeit nachgefragten Kriegsbilderbogen und Kriegsbilderbücher die Produktion mit allerdings nur wenig Personal aufrecht zu halten. [2]
1917 Rudolph Robrahn (jun) verstirbt mit nur 51 Jahren.
Er war der letzte männliche Vertreter des Namens Robrahn, da sein einziger Sohn bereits im Kindesalter gestorben war. [2]
1918 Umwandlung in eine GmbH.
Am 30.10.1918 erfolgt die Eintragung in das Handelsregister. Die Druckerei bleibt weiter in Familienbesitz. Eugen Hauch, bisheriger Teilhaber, übernimmt die Geschäftsführung. [2]
1921 21.05.: Eduard Barth wird neuer Geschäftsführer.
Grund war der Tod des bisherigen Geschäftsführers Eugen Hauch.
Eduard Barth (* 10.10.1897 in Frankfurt a. Main, † 05.10.1959 in Oberbrechen (nahe Limburg/Lahn)), der nun seine Nachfolge antritt, ist ebenfals ein Schwager des Rudolph Robrahn (jun). Seine Ehefrau ist Editha Barth, geb. Robrahn.
Unter seiner Leitung wird durch Zukauf moderner Druck- und Druckhilfsmaschinen die technische Ausstattung ergänzt. Barths Hauptaugenmerk gilt dem Ausbau des Auslandsgeschäfts, insbesondere dem holländischen Markt.
Anm.: In Deutschland beginnt ab 1921 wegen der zu begleichenden Kriegslasten eine spürbare Inflation, die 1923 in der "Hyperinflation" gipfelt und mit einer Währungsreform am 15.11.1923 endet. Betrug das Briefporto am 31.01.1921 noch 0,40 Mark, so steigerte es sich bis zur Währungsreform auf 1 Milliarde Mark (eine Eins mit neun Nullen!). Eine verstärkte Ausrichtung auf den ausländischen Absatzmarkt mit stabiler Währung war eine unternehmerisch kluge Entscheidung.
Durch den Ausbau der Offsetdruck-Abteilung können neue Produkte in die Fabrikation aufgenommen werden: Etiketten, Werbeplakate, Kataloge, sowie die verschiedensten Drucksachen für Industrie, Handel und Gewerbe. Hauptartikel blieben jedoch die Bilderbücher. Die Auftragslage nach dem 1. Weltkrieg entwickelte sich so gut, dass die ständig steigende Nachfrage trotz modernster Technik kaum zu bewältigen war. [2]
 
Ansicht Offset-Abteilung
Bildunterschrift: "TEILANSICHT DES OFFSET=BETRIEBES".
Bildquelle: Festschrift zum 100-jährigen Firmenjubiläum (siehe [2]).
1923 Zum 100-jährigen Firmenjubiläum der Firma Robrahn & Co. erscheint am 21. Mai 1923 eine Festschrift, die auf die bisherige Firmengeschichte zurückblickt und zusätzlich einige Abbildungen enthält. (siehe [2])
1926
Robrahn Briefkopf von 1926
Briefkopf der Robrahn & Co. G.m.b.H. von 1926.
Bildquelle: Rainer Löhr, Magdeburg
1927 Handelsregistereintrag (Magdeburger Adressbuch 1927):
Robrahn & Co G.M.B.H.
Stammkapital 55.000 RM
Ambrosiusplatz 5.6.
Vorst. Kfm. Eduard Barth
Hinweis: Der Eintrag ist gleichlautend auch im Magdeburger Adressbuch 1932 enthalten.
1928 Die Fabrikation von Bilderbogen wird eingestellt. [4]
1932 Laut Magdeburger Adressbuch 1932 sind am Ambrosiusplatz 5 gemeldet:
Robrahn, E., Witwe, Eigentümerin. <- Elsbeth ("Else") Robrahn, geb. Hauch
Barth, E., Geschäftsführer,
Bürger, M., Faktur., (2.OG)
Robrahn & Co. G.m.b.H., (EG), Druckerei
<- Druckerei im Fabrikgebäude, (EG) möglw. die ofizielle Firmenadresse.
Anm.: Hausnummer 6 ist nicht mehr separat aufgeführt, im Handelsregistereintrag jedoch noch enthalten.
???? Ende der Firma.
Wahrscheinlich im Jahr 1932 kommt das Aus für die Firma Robrahn. Hatte die Druckerei den ersten Weltkrieg und die nachfolgende Inflationszeit noch überstanden, so waren die Folgen der 1929 ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise nicht zu kompensieren und die Firma kam in finanzielle Schieflage.
Die Firma erlischt offiziell am 13.06.1934 (Löschung aus dem Handelsregister).
???? Nach Ende der Firma Robrahn übernimmt der Kaufmann Lucke, durch Heirat mit der Familie Robrahn verbunden, das Grundstücks Ambrosiusplatz 5+6, mit Villa und Druckereigebäude. Wann genau??
Witwe Elsbeth Robrahn bezieht eine Wohnung im Mehrfamilienhaus Hansastraße 12 in der Magdeburger Altstadt (Alte Neustadt), wo sie noch 1939 und 1940 gemeldet ist.
Eduard Barth zieht mit seiner Familie zunächst nach Darmstadt. Kriegsbedingt, die Familie wird zwei mal ausgebombt, geht es über verschiedene Stationen weiter, bis schließlich 1951 in Oberbrechen (Nahe Limburg / Lahn) ein neues Zuhause gefunden wird.
   
  Weitere Nutzung:
1939 Laut Magdeburger Adressbuch 1939 sind am Ambrosiusplatz 5 gemeldet:
Lucke, R., Juwelier, Eigentümer.
Göttling, A., Inv.,
Hottowitz, R., Buchdruckerei,
(seit 1934, 1930-33 Halberstädter Str. 73 (vorm. 30, 30a bzw. 30c))
Rusche, E., Dr., Dentallaborat. (Anm.: Zahnarztpraxis in Ambrosiusplatz 7)
Schmidt, B., Tischlerei,
Schwarz, W., Apparatebau,
Siebert, Luise, Pantoffelfabrikationsartikel,
Steffen, W., Steppdeckenfbrk.
1940 Laut Magdeburger Adressbuch 1940 sind am Ambrosiusplatz 5 gemeldet:
Lucke, R., Juwelier, Eigentümer.
Göttling, A., Inv.,
Hottowitz, R., Buchdruckerei,
Schwarz, W., Schlosser.
Siebert, Luise, Pantoffelfabrikationsartikel,
Steffen, W., Steppdeckenfbrk.


Hottowitz ggf. von den Sowjetischen Demontagen 1945-1948 betroffen:
-Demontage von Magdeburger Druckereien und Übergabe von Maschinen 1946-
Enthält u.a.: Druckereien Hottowitz, Schulz, Wohlfeld und Wapler, Demontagebefehle, Einspruch
LHASA, MD, Rep. K 3 MdI Nr. 8286
1950/51 Laut Magdeburger Adressbuch 1950/51 sind am Ambrosiusplatz 5 gemeldet:
Löhr, A., Ww., Eigentümerin. 1.OG
Bauriedl, Ch., Ingenieur, DG
Bierotte, E., Rentner, DG
Hottowitz, H., Kraftfahrer, EG
Hottowitz, K., Buchdr., EG
Marienfeld, L., (Leni, Helene) 1.OG
Radke, E., Holzkfm., 1. OG
Schwarz, W., App.-Bauer, Fabrikgeb. EG
Siebert, L., Pantoffelfab. Fabrikgeb. OG

1957 Adressangabe (Offsetdruckerei) H. u. G. Hottowitz weiterhin Ambrosiusplatz 5.
Quelle: Herstellerangabe auf Festschrift von 1957 "1000 Jahre Olvenstedt"
Heutige Adresse der Druckerei: H.u.G. Hottowitz, St.-Michael-Str. 48, 39112 Magdeburg-Sudenburg
Inhaber: 2003: Christine Sejk, 2013: Renate Rempe
2002 Nach zwischenzeitigem Leerstand wird das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Druckereigebäude unter Federführung der PDT Projekt GmbH saniert und zu Wohnzwecken umgebaut.
Quelle: PDT Projekt GMBH / Fabrik

Die denkmalgeschützten Gebäude Ambrosiusplatz 5/6:

Ansicht des Fabrikgeländes vom Langer Weg
Sanierte "Villa Knape", Ambrosiusplatz 5,
Aufnahme 12/2015
Das ehemalige Kontorgebäude
Das umgebaute Druckereigebäude, heute Nr. 5a-d, Aufnahme 01/2013

Quellen:

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