Die Industriegeschichte Sudenburgs

Firmenblatt: Bearbeitungsstand: 30.08.2016

Seldte & Co.

Essenzenfabrik

Firmendaten:

Gründung - Ende: 1878 - 1945 (danach VEB bis 1995)
Gründer: Wilhelm Seldte (* ????, † 189?)
???? Hagemann (* ????, † ????)
Standort(e): ab 1878: Leiterstraße 13, Magdeburg
ab 1890: Bismarckstraße 11 (heute Leibnizstraße), Magdeburg
ab 1903/4: Langer Weg 46, Sudenburg
Produkt(e): Ätherische Öle, Essenzen, Aromen, Chemische Produkte, Mineralwasser, Limonade Marke "Olympia" (spätestens 1930er) [2]
Bemerkungen:  
Briefkopf Seldte & Co. 1900
Briefkopf der Firma Seldte & Co. von 1900.
[Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]

Firmenchronik:

Jahr: Ereignis:
1878 Firmengründung als "Seldte & Hagemann".
Wilhelm Seldte und Partner Hagemann gründen in der Leiterstraße 13 in Magdeburg eine "Dampf-Fabrik für ätherische Öle" und eine "Drogenhandlung", heute vergleichbar mit einer Drogerie und Apotheke. [1]
1890 Hagemann scheidet aus der Firma aus.
Wilhelm Seldte führt die Firma als Seldte & Co. fort und verlegt den Firmensitz in die Bismarckstraße 11 (heute Leibnizstraße). [1]
vor 1900 Wilhelm Seldte verstirbt.
Da die Söhne noch nicht geschäftsfähig sind, übernimmt notgedrungen Seldtes Witwe Emma gemeinsam mit Prokurist Ernst Schumann die Firmenleitung. [1]
1903/04 Verlegung des Firmensitzes nach Sudenburg, Langer Weg 46. [1]
Das Firmengrundstück erstreckt sich vom Langen Weg bis zur Fichtestraße. Östlich angrenzend (Nr. 45) die Mostrich-, Weinessig- und Essigsprit-Fabrik Voigt & Co., westlich die unbebauten Grundstücke 47-51, deren Eigentümer (spätestens 1939) Franz Seldte ist. Dahinter (Nr. 52) die Brauerei von Dummér & Döring, das Sudenburger Brauhaus.
1905
Werbung Seldte & Co. 1905
Werbeanzeige der Firma Seldte & Co. von 1905.
[Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]
1908 Sohn Franz Seldte übernimmt die Firmenleitung.
Nach erfolgreichem Abschluss seines Chemiestudiums übernimmt Sohn Franz Seldte (* 29.06.1882 in Magdeburg; † 01.04.1947 in Fürth) 26-jährig die Firmenleitung, sein jüngerer Bruder Georg wird Prokurist. [1]
1909
Briefkopf Seldte & Co. 1909
Älterer Briefkopf von Seldte & Co., 1909 benutzt. Nach Übernahme der Firmenleitung durch die Söhne ist die Zeile mit den ehemaligen Inhabern Emma Seldte und Ernst Schumann einfach durchgestrichen.
[Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]
1916 1. Weltkrieg: Franz Seldte wird schwer verwundet.
Franz Seldte dient als Offizier im Ersten Weltkrieg. Er wird schwer verwundet und verliert seinen linken Arm.[1]
1918 Gründung des "Stahlhelm".
Enttäuscht über den Kriegsausgang und die politischen Verhältnisse gründet Franz Seldte in Magdeburg den Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten. In der Folgezeit radikalisiert er sich zunehmend, agiert nationalistisch und antirepublikanisch. Als politisches Ziel verfolgt er in den Folgejahren die Abschaffung der Demokratie und Einführung einer Diktatur. Zunächst gehört er jedoch noch der gemäßigten Deutschen Volkspartei (DVP) an. [3]
1923 Die durch den Ersten Weltkrieg ausgelöste Inflation gipfelt 1923 in einer Hyperinflation im Deutschen Reich. Die Firma Seldte & Co. kommt in finanzielle Schwierigkeiten. Seldte wendet sich an seinen Parteifreund, den Reichskanzler Gustav Stresemann. Seldtes Aufforderung zum politischen Umsturz folgt dieser zwar nicht, vermittelt Seldte aber einen sechsstelligen Kredit, womit die Firma gerettet werden kann. [3]

Seldte bringt die Firma an die Börse.
Im Zuge der Währungsreform gründet Seldte am 28.07.1923 die Seldte Handels-Aktiengesellschaft Magdeburg-Sudenburg, die am 03.09.1923 eingetragen wird. Zweck der Gesellschaft ist: "Handel mit ätherischen Ölen, künstlichen Riechstoffen, Chemikalien und ähnlichen Waren, Beteiligung an anderen Unternehmungen, deren Erwerb und Pachtung." [4]
Der Aktienausgabe spült weitere Mittel in die klamme Kasse der Seldte & Co. Aktiengesellschaft
Nach Überwindung dieses Tiefpunktes entwickelt sich der Betrieb in der Folgezeit wirtschaftlich sehr erfolgreich und wird zur bedeutendsten der sechs Magdeburger Essenzenfabriken.
Anm.: In Sudenburg bestand eine weitere Essenzenfabrik, die Fritz W. Richter in der Lutherstraße betrieb.

Siegelmarke Seldte & Co. AG 1923 Jahre
Siegelmarke der Seldte & Co. Aktiengesellschaft.
[Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]
1927
Briefkopf Seldte & Co. 1927
Briefkopf der Firma Seldte & Co. von 1927. [Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]
1928 23.03.: Ausgabe neuer Aktien. "Seldte Handels-AG"
Mit der Ausgabe neuer Firmenaktien wird auch die Schreibweise der Gesellschaft geändert. Das bisher ausgeschriebene Wort "Aktiengesellschaft" wird (spätestens) zu diesem Zeitpunkt abgekürzt: Seldte & Co. AG. [4]
  1928 wird auch das 50-jährige Firmenjubiläum gefeiert.

Siegelmarke Seldte & Co. AG 50 Jahre
Siegelmarke der Firma Seldte & Co. A.G.
zum 50-jährigen Firmenjubiläum.
[Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]
1932 Im Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften 1932 wird Seldte & Co. nicht mehr aufgeführt. [4]
Möglicherweise war die AG Opfer der Weltwirtschaftskrise, die 1929 ausbrach. Die Firma wird unter dem Namen "Seldte & Co." weitergeführt.
Anm.: Ob privat oder als Gesellschaft geführt ist unklar.
  Einträge Magdeburger Adressbuch 1932:
- Seldte, Emma, Wtw., Lennéstr. 7
- Seldte, Franz, Fabrikbes., Duvigneaustr. 4
Anm.: Georg wird nicht geführt.

Langer Weg 46:
Eigentümer: Seldte, F., Fabrikbesitzer (Duvigneaustraße 4)
(auch die Grundstücke Langer Weg 40 und 47-51 (47-51 geführt als "Baustellen")).
- Drassehn, H., Hausmann,
- Seldte & Co., Essenzfbrk., (keine Angabe zur Betriebsform)
- Belten, F., Betriebsleiter.
1933 Seldte tritt in die NSDAP ein und wird zum Reichsarbeitsminister berufen.
Nach Machtergreifung der Nationalsozialisten wird Seldte als Reichsarbeitsminister ins Kabinett Hitler berufen. Dieses Amt übt er bis 1945 aus. Sein Hauptwohnsitz blieb in dieser Zeit Magdeburg-Sudenburg. Seldtes "Stahlhelmbund" wird im August 1935 offiziell aufgelöst und in die SA eingegliedert.
1936
Werbungaufdruck Seldte & Co. 1905
Firmenstempel auf Postkarte von 1936.
[Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]
1939/40 Magdeburger Adressbücher 1939 und 1940: Langer Weg 46
Eigentümer: Seldte, F., Reichsarbeitsminister (Duvigneaustraße 4)
(auch die Grundstücke Langer Weg 47-51, geführt als "Baustellen").
- Drassehn, H., Hausmann,
- Seldte & Co., Essenzfbrk., (keine Angabe zur Betriebsform)
- Belten, F., Betriebsleiter.
1940
Briefkopf Seldte & Co. 1940
Briefkopf der Firma Seldte & Co. von 1940. [Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]

  Einträge Magdeburger Adressbuch 1940:
- Seldte, Franz, Reichsarbeitsminister, Fabrikbes., Humboldtstr. 6
Anm.: Abweichung von Adresseintrag als Firmeneigentümer! Dort noch Duvigneaustraße 4.
- Seldte, Eugen, Kfm., Duvigneaustraße 10 (mögliche familiäre Verbindung unklar)
Anm.: Georg wird nicht, Emma nicht mehr geführt.
1945 Kriegsende: Die Firma wird enteignet.
Anm.: Ob sie zunächst unter gleichen Namen oder als SAG-Betrieb weitergeführt wurde ist unklar.
  Franz Seldte wird als Kriegsverbrecher verhaftet und inhaftiert.
Bevor ihm in Nürnberg der Prozess gemacht werden kann, verstirbt Franz Seldte 64-jährig am 01.04.1947 in einem amerikanischen Militärhospital in Fürth.
1950 Magdeburger Adressbuch 1950/51: Langer Weg 46
Eigentümer: VVB der Nahrungs- und Genußmittelindustrie Sachsen-Anhalt, Essenzenfabrik Magdeburg.
- Brüggemann, J.-G., Werkleiter,
- Dogin, A., Heizer,
- Weber, E., Chemotech.
1954 Der "volkseigene" Betrieb heißt nun abgekürzt VEB EMA (Essenzenfabrik Magdeburg). [1]
1968 Eingliederung ins Kombinat Miltitz.
Im Zuge der Kombinatsbildung wird der VEB EMA in das Chemische Kombinat Miltitz eingegliedert (VEB Chemisches Werk Miltitz). Die Werksbezeichnung lautet nun:
VEB Chemisches Kombinat Miltitz, Betriebsteil EMA Magdeburg. [1]

Bis zur Wende werden von ca. 60 Mitarbeitern hauptsächlich Aromen und Essenzen für Bäckereien und Eis hergestellt, mit einem Jahresumsatz von etwa 14 Millionen Mark. [1]
Neben den eigenen Betriebsgebäuden wurde auch ein Gebäudeteil der benachbarten Essig- und Senffabrik (Langer Weg 45) genutzt.
Anm.: Seit wann genau der Gebäudeteil genutzt wurde ist ungeklärt.
1992 Beginn der Abwicklung.
Nach der Wende beginnt die Abwicklung des Betriebs. 1995 kommt das endgültige Aus. [1]
Anm.: Umstände und Gründe der Abwicklung sind noch unklar, auch wie weit die Treuhandanstalt dabei eine Rolle gespielt hat.
heute Stand März 2016:
Die Firmengebäude sind komplett abgerissen. Nachdem das Areal über Jahre brach lag, wurde 2015 mit der Errichtung von Reihenhäusern begonnen.

Quellen:

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