Die Industriegeschichte Sudenburgs

Firmenblatt: Bearbeitungsstand: 13.07.2015

Voigt & Co. GmbH

- Mostrich-, Weinessig- und Essigsprit-Fabrik -

Firmendaten:

Gründung - Ende: 1882 - nach 1990
Gründer: ? (* ????, † ????)
Standort(e): Langer Weg 45
Produkt(e): Senf (Mostrich), Essig, Weinessig, Essigsprit, Senfmehl. Um 1912 auch Speiseöl.
Bemerkungen: Die Fabrikanlage ist erhalten und nach der Wende unter Denkmalschutz gestellt worden. Die alten Fabrikgebäude wurden zu Wohnzwecken umgebaut und als Eigentumswohnungen vermarktet. 
Briefkopf Voigt & Co. von 1904
Briefkopf Voigt & Co. von 1904. [Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]

Der Briefkopf auf dem Firmenrechnungsblatt von 1904 zeigt das Firmengelände zur damaligen Zeit.
Es erstreckt sich zwischen Langer Weg und Fichtestraße. Am Langen Weg steht das 2,5-geschossige in Ziegelbauweise errichtete Kontorgebäude (rechts im Bild), in dessen Obergeschoss die Gründerfamilie lebte. Links daneben befindet sich die Grundstücksauffahrt. Im hinteren Grundstücksbereich wurden die Produktionsgebäude angelegt, in der für diese Zeit typischen einfachen Ziegelrohbauweise. Das kleine Gebäude an der linken (südlichen) Grundstücksgrenze wich kurze Zeit später (vor 1912) einem größeren, viergeschossigen Produktionsgebäude, das ebenfalls in Ziegelrohbauweise errichtet wurde. Beim zweigeschossigen Gebäude an der Nordgrenze dürfte es sich ursprünglich um das Maschinen- und Mühlengebäude gehandelt haben.

Firmenchronik:

Jahr: Ereignis:
???? ?
1882 Firmengründung in Sudenburg, Langer Weg 45 als Voigt & Co. - Mostrich-, Weinessig- und Essigspritfabrik.
Die Auslieferung der Produkte erfolgte in "Patentfässern", die per Bahn vom nahegelegenen Sudenburger Bahnhof oder über Fuhrunternehmen zum Kunden transportiert wurden.
1894 Voigt & Co. wird auf der Internationalen Ausstellung für Nahrungsmittel, Armeeverplegung, Industrie, Gewerbe und Sport in Dresden die höchste Auszeichnung zuerkannt: Die Goldmedaille. [1]
1912
Briefkopf Voigt & Co. von 1904
Briefkopf auf Firmenrechnung von 1912. [Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]

Die Fabrik wurde inzwischen (nach 1904) umfirmiert in
Voigt & Co. GmbH - Mostrich; Weinessig; Essigsprit- und Speiseöl-Fabrik.
Die Fabrik stellte zu diesem Zeitpunkt neben Mostrich, Weinessig- und Essigsprit auch Speiseöl her. [2]
Anmerkung: Für die Ölproduktion war wahrscheinlich das neue, viergeschossige Fabrikgebäude an der Südgrenze des Betriebsgeländes erichtet worden (vergl. Briefkopf 1904).
 
Reklamemarken der Voigt & Co. GmbH
Reklamemarken der Voigt & Co. GmbH.
[Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]
1927 Die Herstellung von Speiseöl war zu diesem Zeitpunkt wieder eingestellt. (Briefkopf wie 1931) [3]
1931
Briefkopf Voigt & Co. von 1931
Briefkopf auf Firmenrechnung von 1931. [Bildquelle: Archiv Sudenburg-Chronik]
1932 Geschäftsführer der Fabrik ist der Kaufmann E. Bethge.
Prokuristen sind Curt Häuber und Otto Thielicke. [4]
1939/40 Geschäftsführer der Fabrik ist inzwischen der ehemalige Prokurist Otto Thielicke (auch 1940).
"Voigt, E. Witwe" wohnt auf dem Firmengelände, auch der Kaufmann E. Bethge, inzwischen wohl in den Ruhestand getreten, ist unter der Adresse noch gemeldet. [5]
1945 Die Fabrik übersteht den II. Weltkrieg unbeschadet und wird unter gleichem Namen als Voigt & Co. GmbH weitergeführt.
1946/47 Nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft übernimmt Herr Harald Dietrich die Firmenleitung, ein Enkel des Firmengründers (oder auch Neffe des Vorbesitzers?).
Eduard Voigt (Sohn des Firmengründers?) fiel im 2. Weltkrieg. [6]
Anmerkung: Die Besitzverhältnisse sind noch zu klären. Es ist anzunehmen, dass die privaten Besitzer in der Folgezeit eine staatliche Beteiligung hinnehmen musste, um den Betrieb weiterführen zu dürfen.
1950/51 Magdeburger Adressbuch 1950/51:
Harald Dietrich wird mit der Berufsbezeichnung "Essigmeister" unter der Firmenadresse geführt.
Der Eintrag "Voigt E. Witwe" findet sich nicht mehr, dafür aber "Bethge, E. Witwe".
Unter der Fabrikadresse werden auch genannt:
Tischlermeister F. Niemann und die Lebensmittelgroßhandlung C. W. Vogel. [7]
Anmerkung: Der ehemalige Betriebsleiter E. Bethge scheint verstorben zu sein. Tischlerei und Großhandlung werden vermutlich im Südgebäude betrieben.
ab 1962 Betriebsgelände:

Anfang der 1960er Jahre wird der nicht mehr benÖtigte große Fabrikschornstein abgebrochen. [6]

Südgebäude: Große Teile werden inzwischen vom benachbarten VVB Nahrungs- und Genußmittelindustrie, Essenzenfabrik Magdeburg (Nr. 46, bis 1945 Essenzenfabrik Seldte & Co.) genutzt.
Im 1.OG (nÖrdlicher Teil des Gebäudes) befindet sich die Tischlerei Kurt Wilke, die beiden darüberliegenden Etagen werden als Lager für Essigholzfässer genutzt. Oftmals führen geplatzte Fässer zu Schäden in der darunterliegenden Tischlerei. Unter der Tischlerei (im EG) befindet sich der LKW und PKW-Unterstand.

Westgebäude: Zur Produktion von Senf und Essig wird nur das Westgebäude (zur Fichtestraße) genutzt.
Nordflügel: Im 3. OG ist das Rohstofflager für Zucker, Pfeffer, Senfmehr, uvm. untergebracht. Im Geschoss darunter (2.OG) lagern Essigfäser. Im 1. OG wird der Senf produziert. Neun Mühlsteine mit jeweils eigenem Elektromotor kommen hier zum Einsatz. Jeder hat einen eigenen Motor und wird über Keilriemen, Welle und Zahnräder angetrieben. Im Erdgeschoss liegen die Abfüllräume für Essig in Flaschen und Senf in 10 kg SteintÖpfe.
Südflügel: ... Essigproduktion (?) ... Im Ergdeschoss befindet sich ein Laborraum.

Kontorgebäude am "Langer Weg": Das Haus ist inzwischen zu Wohnzwecken umgestaltet. Das Erdgeschoss bewohnt der Betriebsleiter mit seiner Familie. Im Obergeschoss sich drei Wohnungen eingerichtet.

Ehemaliges Maschinenhaus: Im Erdgeschoss ist nun die Verwaltung untergebracht. Des weiteren befinden sich die Dusch- und Umkleideräume der männlichen und weiblichen Belegschaft im Gebäude. Im eingeschossigen Gebäude zwischen Verwaltung und Westgebäude werden die Flaschen, Gläser und SteintÖpfe gereinigt.

Produktion:

Essig in 2.000 ltr. Fässern wurde an Großabnehmer geliefert. Unter anderem an:
- Firma Rommel, MD-Neustadt (Gurkenverarbeitung).
- Gurkenfabrik in Calbe/Saale.
- Fischfabrik in MD, Große Diesdorfer Straße.
Fässer von 15, 30, 50, 60 und 100 ltr. gingen an die Großhandelsgesellschaft (GHG) Lebensmittel (Am Fuchsberg, MD), die die Weitervermarktung übernahm. Essig und Essigessenz wurden auch in kleine Flaschen abgefüllt und gehandelt.

Die Herstellung von eigenem Senfmehl ist inzwischen eingestellt. Die Firma bezieht russisches, kanadisches und chinesisches Senfmehl von der Ölmühle Kroppenstedt (bei Halberstadt).
Der produzierte Senf in kleinen Abpackungen kommt in den Handel, grÖßere Abpackungen gehen an Gaststätten und die GHG Lebensmittel (Am Fuchsberg). [8]
1972 Bis zum 21.04. behält die Fabrik ihren Namen bei.
Am 24.04.1972 wird sie verstaatlicht und als VEB Essig- und Senffabrik Magdeburg weitergeführt.
Betriebsleiter ist weiterhin Herr Harald Dietrich.
[8, Einträge im SV-Ausweis (Ausweis für Arbeit und Sozialversicherung)]

Der Betrieb war wahrscheinlich von der in diesem Jahr durchgeführten Verstaatlichungswelle von Betrieben mit staatlicher Beteiligung betroffen. Viele private Besitzer wurden mit psychologischem und wirtschaftlichem Druck zur Unterzeichnung einer Einwilligungserklärung getrieben. Die Besitzerentschädigungen vielen eher gering aus. Im Todesfall wurde den Erben keine neue Betriebsgemehmigung erteilt und die Betriebe so in staatlichen Besitz gebracht.
1990 Nach der Wende kommt für die Fabrik das Aus.
Zuletzt produzierte die Fabrik mit nur 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zwei Millionen Halbliterflaschen Spritessig und vier Millionen Becher Senf. [aus Artikel "Essig- und Senfwerk" der Magdeburger Volksstimme]

Die ehemaligen Fabrikgebäude sind erhalten und wurden nach der Vereinigung unter Denkmalschutz gestellt. Ein Investor gestaltete die Fabrikationsgebäude (2002?) zu Wohnzwecken um. Es entstanden Eigentumswohnungen. Auch das ehemalige Kontorgebäude wird heute als Wohnhaus genutzt. [...]

Quellen:

Die denkmalgeschützten Gebäude heute: (Stand 2015)

Ansicht des Fabrikgeländes vom Langer Weg
Ansicht des Fabrikgeländes vom "Langer Weg".
Das ehemalige Kontorgebäude
Das ehemalige Kontorgebäude, heute als Wohnhaus genutzt..
Fabrikgebäude an der nördlichen Grundstücksgrenze
Fabrikgebäude an der nördlichen Grundstücksgrenze..
Rückwärtiges Produktionsgebäude zur Fichtestraße
Rückwärtiges Produktionsgebäude, zur "Fichtestraße".
Später errichtetes Produktionsgebäude an der Südgrenze
Später errichtetes Produktionsgebäude an der Südgrenze.
Ansicht von der Fichtestraße
Ansicht von der "Fichtestraße".

Offene Fragen:

- Besitzverhältnisse bis 1972.
- Eintrag Adressbuch 1939: Witwe E. Voigt, wohnhaft Langer Weg 45.

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