Die Industriegeschichte Sudenburgs

Firmenblatt: Bearbeitungsstand: 04.08.2018

Gebrüder Commichau, Maschinenfabrik

"Spezialfabrik für Transportanlagen"

Firmendaten:

Gründung - Ende: 1890 - 1949
Gründer: Rudolf Commichau (* 18.04.1863 in Bialystok, † 14.12.1910 in Magdeburg)[2]
Robert Gotthard Commichau (* 25.04.1864 in Antoniuk, † 04.01.1928 in Magdeburg)[2]
Standort(e): Braunschweiger Straße 98, Magdeburg-Sudenburg
Ab 1905 Zweitwerk in Nestomitz bei Aussig (heute Tschechien)
Produkt(e): Transportanlagen, Transportschnecken
Bemerkungen: Über die Fabrik(en) ist bisher wenig bekannt. Es finden sich hauptsächlich Werbeanzeigen und Patentanmeldungen aus der Zeit zwischen 1890 und 1910. 

Firmenchronik:

Jahr: Ereignis:
1890 Gründung der Maschinenfabrik Gebrüder Commichau in Magdeburg-Sudenburg, Braunschweiger Str. 98.
Die Firmengründer sind Gotthard und Rudolf Commichau, älteste Söhne das Textilfabrikanten Robert Commichau (*09.08.1833 in Elberfeld, † 06.02.1886 in Neustrelitz), der viele Jahre die Färberei der Firma "Herm. Commichau" zu Antoniuk bei Bialystok leitete.[2]
Diverse Patente von Gotthard und Rudolf Commichau bezeugen die Innovativität des Unternehmens. Ihre Erfindungen zu Schmierung und Fördertechnik lassen sie nicht nur im deutschen Reich, sondern zum Teil auch in England und den USA patentieren. In Fachbüchern und Lexika sind bis ca. 1910 immer wieder Maschinen und Innovationen der Commichaus beschrieben. Einige der Patente sind nachfolgend aufgeführt.
1890 29.05.1890: Patent: Gotthard Commichau reicht ein Patent über "Flexible Rohre" ein (D.R.P 55692), auch in England (1890) und den USA (1892).
1890 21.06.1890: Patent: Gotthard Commichau patentiert ein "Drosselventil mit durch die Spannungsdifferenz sich stellendem Durchgangsquerschnitt" (D.R.P 56532)
1896 05.04.1896: Patent: Gebr. Commichau und C. Vogelsang patentieren eine "Hin- und herschwingende Horde zum Darren u.s.w." (D.R.P 93535)
1898 10.09.1898: Patent: Gebr. Commichau patentieren ein "Stummes Gesperre mit veränderlichem Vorschub." (D.R.P 105252)
1899 03.05.1899: Patent: Gebr. Commichau patentieren eine "Fördervorrichtung für kleinkörniges Gut." (D.R.P 107850)
1899 21.11.1899: Patent: Gebr. Commichau patentieren ein "Verfahren zur Befestigung Schraubenförmiger Rippen bei Rippenrohren." (D.R.P 116609) - Zusatz zum Patente 105803 vom 31. Juli 1898 -
1900

Werbeanzeige Gebrüder Commichau 1900
Werbeanzeige der Gebrüder Commichau von 1900
Quelle: "Verzeichnis der Rübenzuckerfabriken und Zuckerraffinerien im deutschen Reiche...",
Rathke's Verlagsbuchhandlung, Magdeburg, 1900
1903 17.07.: Patent: Rudolf Commichau patentiert ein "Saatleitungsrohr aus spiralförmigem Blechstreifen für Drillmaschinen." (D.R.P. 162538)


Werbeanzeige Gebrüder Commichau 1908
Werbeanzeige "Saatleitungsrohr" der Gebrüder Commichau von 1908.
Bildquelle: Archiv T. Garde
1905 Gründung eines Zweitwerkes in Nestomitz (Nord-Böhmen)
Die Gebrüder Commichau gründen ein zweites Werk in Nestomitz an der Elbe, nahe Aussig. Ort und Region gehören zu dieser Zeit zu Österreich-Ungarn. Die Fabrik wird in einem alten Mühlenbetrieb eingerichtet, der dort erworben wurde. Fabrikdirektor wird Alfred Spahn, der zuvor (ab 1903) die Firmenvertretung in Aussig leitete. Wie im Sudenburger Stammwerk werden auch in Nestomitz erfolgreich Transportanlagen produziert.[1]
Anm: Die Region gehört heute zu Tschechien. Nestomitz (Neśtěmice) ist heute ein Stadtteil von Aussig (Ústí nad Labem).
1905 17.06.: Patent: Gotthard Commichau patentiert eine "Brech-Mühle" (Zerkleinerungsmühle), zumindest in den USA.
1906 Eine Werbeanzeige von 1906 belegt auch das Zweitwerk in Nestromitz:


Werbeanzeige Gebrüder Commichau 1906
Werbeanzeige Gebrüder Commichau von 1906.
Bildquelle: Archiv T. Garde
1907 Geschäftsführer Georg Becker verlässt das Unternehmen.
Becker absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre im Betrieb und stieg später bis zum Geschäftsführer auf. 1907 macht er sich mit einem Geschäft selbstständig und handelt mit Industrieketten und Elevatorbechern. 1911 gründet er an der Sudenburger Wuhne die Maschinenfabrik Georg Becker & Co. und stellt sehr erfolgreich eigene Transportanlagen her.
Aus Beckers Unternehmen geht die heute (Stand 2018) weltweit tätige Firma FAM (Förderanlagen Magdeburg) hervor.
Vor Becker hatte bereits Otto Storck (* 1879) den gleichen Weg bestritten (von wann bis wann ist allerdings unklar): Nach kaufmännischer Lehre war er zum Prokuristen aufgestiegen. Storck verließ die Firma und durchlief weitere Arbeitsstellen, bis er schließlich 1905 er bei Rendsburg die Werft "Nobiskrug" gründete und sehr erfolgreich führte.
1910 Rudolf Commichau verstirbt.
Im Alter von nur 47 Jahren verstirbt Mitgründer Rudolf Commichau am 14.12.1910. Ein schwerer Einschnitt für das Unternehmen, das hier einen seiner kreativen Köpfe verliert. Bruder Gotthard Commichau führt das Unternehmen als alleiniger Firmeninhaber weiter.
1911 Verkauf des Zweitwerkes
Nach dem Tod Rudolf Commichaus wird es stiller um das Unternehmen. Werbeanzeigen und Patentanmeldungen sind nicht mehr (?) zu finden.
Das Zweigwerk der Commichaus in Nestomitz wird verkauft. Fabrikdirektor Alfred Spahn, zuvor bereits stiller Teilhaber des Zweitwerkes, wird Alleininhaber. Den Firmennamen behält Spahn bei, was eine undatierte Siegelmarke belegt:


Siegelmarke Commichau Nestomitz
Siegelmarke Gebrüder Commichau Nestomitz, Inhaber A. Spahn.
Bildquelle: Archiv T. Garde

Die Produktion wird unter dem neuen Eigentümer erfolgreich fortgeführt. 1912 lässt sich Spahn auf der Anhöhe hinter der Fabrik eine auffällige, ungewöhnliche Villa errichten, die das nachfolgende Bild zeigt:


Aufnahme Werk Gebrüder Commichau und Villa Spahn in Nestomitz
Aufnahme der "Maschinenfabrik Gebrüder Commichau" und der "Villa Spahn" in Nestomitz.
Nach 1912 aufgenommen.

[Bildquelle: www.usti-aussig.net]

Die Fabrik produziert bis 1933, dann ist sie Pleite. Neben der Weltwirtschaftskrise war wohl auch Spahns ausschweifender Lebensstil dafür verantwortlich. Spahn, pleite und auch unheilbar erkrankt, nimmt sich noch im selben Jahr während eines Kuraufenthaltes bei Dresden das Leben. Er hinterlässt neben Frau und zwei Kindern einen riesigen Schuldenberg von über 6 Millionen Kronen. [1]
1914 Eintrag im Mitgliederverzeichnis 1914 des VDI:
Commichau, Gotth., Fabrikant, Magdeburg-Sudenburg, Braunschweiger Str. 98
1923 Schwester Stephanie wird Prokuristin.
Gotthard Commichaus Schwester Thea Stephanie Commichau (* 12.06.1869 in Antoniuk, † 18.12.1952 in Magdeburg) tritt als Prokuristin ins Unternehmen ein.[2]
1926 Bruder Otto Commichau tritt in die Firma ein.
Gotthard Commichaus Bruder Otto Ernst Moritz Commichau (* 31.07.1872 in Antoniuk, † 07.02.1946 in Magdeburg) tritt ins Unternehmen ein und übernimmt den Prokuristenposten von Schwester Stephanie.[2]
Neben Otto Commichau ist Erich Schenk als weiterer Prokurist im Handelsregister eingetragen. [Adr 1927 und 28]
Anm.: Die Firma wird im Adressbuch nur noch mit dem Text "Maschinenfabrik Gebrüder Commichau" geführt. Es gibt keine Hinweise auf die Herstellung von Förderanlagen. Auch sind keine aufwändigeren Werbeanzeigen im Adressbuch vorhanden. Es ist unklar, was die Fabrik zu dieser Zeit produzierte.
1928 Gotthard Commichau verstirbt.
Firmengründer Gotthard Commichau verstirbt am 04.01.1928 im Alter von 63 Jahren.[2]
Neuer Firmeninhaber wird zunächst Bruder Otto, der 1929 auch als alleiniger Eigentümer des Grundstücks Braunschweiger Straße 98 geführt ist. [Adr 1930]
1929 Magdeburger Adressbuch 1930:
Braunschweiger Str. 98
Eigentümer: Commichau, Otto, Kfm.
Commichau, Gebr., Maschinenfabrik
Kleinschmidt, O., Automobilreparat. Werkstatt
Anm.: Die Autowerkstatt von O. Kleinschmidt wurde nur kurz auf dem Grundstück betrieben, max. bis 1931.
1931 Spätestens 1931 haben sich die Eigentumsverhältnisse geändert:
Schwester Antonie Margarete Commichau (* 04.08.1870 in Antoniuk, † 07.08.1952 in Magdeburg)[2] ist mit in die Firma eingestiegen.
Eigentümer von Haus und Grundstück, sowie selbsthaftende Gesellschafter der Maschinenfabrik Gebr. Commichau sind nun die drei Geschwister Antonie, Stephanie und Otto Commichau. [Adr 1932]
1945 Kriegsende
Mit der Eroberung Magdeburgs durch Amerikanische Truppen, enden am 18.04.1945 im Westteil Magdeburgs die Kriegshandlungen des 2. Weltkriegs. Über größere Schäden an Haus und Fabrik ist nichts bekannt.
1946 Otto Commichau verstirbt.
Am 07.02.1946 verstirbt der Kaufmann und Mitinhaber Otto Commichau im Alter von 73 Jahren.[2]

Nach dem Tod Ottos werden Grundstück und die Maschinenfabrik wahrscheinlich verkauft. Das Antonie (75 Jahre alt) und Stephanie Commichau (76 Jahre alt) die Maschinenfabrik alleine weiterführten, ist unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass alle fünf Geschwister unverheiratet blieben und daher auch kein direkter Nachfolger für eine Weiterführung zur Verfügung stand.
Wann genau der Verkauf stattfand, ist unklar. Im Adressbuch 1950/51 ist als neuer Grundstückseigentümer der Ingenieur O. Schmidt geführt, der unter eigenem Namen eine Maschinenfabrik auf dem Grundstück betreibt.
1949 Löschung aus dem Magdeburger Handelsregister.[2]
Nach 59 Jahren ist die Geschichte der Maschinenfabrik Gebr. Commichau vorbei.
1950 Magdeburger Adressbuch 1950/51: Braunschweiger Str. 98
Neuer Eigentümer von Grundstücks und Maschinenfabrik ist nun der Ingenieur O. Schmidt. Unter dessen Namen wird auch die Maschinenfabrik weiter betrieben. (s. Teil IV, S. 59: Maschinenfabriken: Schmidt, O., Braunschweiger Str. 98.
"Commichau, St." ist als Mieterin aufgeführt. Wahrscheinlich wohnte sie mit Antonie zusammen, da diese im Adressbuch nicht separat geführt wird.
Neben O. Schmidt und St. Commichau sind noch 6 weitere Mietparteien an der Adresse Braunschweiger Straße 98 gemeldet.
Branchenverzeichnis:
Dachziegel: Fabriken: Sichtig, O., Braunschweiger Str. 98
Elektrische Licht- und Kraftanlagen: Jacobs, O., Braunschweiger Str. 98
Maschinenfabriken: Allgemein: Schmidt, O., Braunschweiger Str. 98
1952 Antonie und Stephanie Commichau versterben.
Beide Commichau-Schwestern versterben kurz hintereinander: Antonie am 07.08.1952 im Alter von 82 Jahren, Stephanie am 18.12.1952, im Alter von 83 Jahren.[2]
   
>=1964 In "Kleines Taschenadressbuch der Bezirkshauptstadt Magdeburg" ist verzeichnet:

Maschinenbau Süd - Büro und Betriebsteil Braunschweiger Str. 98
Gr. Diesdorfer Str. 203 [Ecke Westring, 1950 Eigent. M. Jarisch, div. Nutzer/Mieter, u.a. M. Jarisch & Co., Pumpenfabrik, Jarisch & Schönherr, Bahnmaterial]
Cochstedter Str. 7-11 [heute Hakeborner Str., Grundstück von F. C. Wilh. Schmidt jun, chem. techn. Erzeugn., 1950 befand sich dort u.a. der "Lagerplatz Rohstoffgenossensch. f. d. Eisengewerbe eGmbH"]

Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH)
Bau: Ackerstraße 2
-  Betonwerk: Braunschweiger Str. 98

Info: Das Erscheinungsjahr des Taschenadressbuchs ist unklar. Frühestens 1964, spätestens 1970. Von O. Schmidt, dem Eigentümer von 1950, findet sich darin nichts mehr. Die inzwischen dort ansässige "Maschinenbau Süd" scheint eine Art PGH zu sein, also ein Zusammenschluss mehrerer Firmen. Welche sich zusammengeschlossen haben, bzw. wurden, ist noch zu Klären.
1994 "Das blaue Adressbuch Stadt Magdeburg 1994/95" gibt nur wenig Informationen:
Braunschweiger Str. 98:
Bothe & Jagusch GmbH
HESI Baubedarf GmbH
Thalen Consult GmbH

Quellen:

Stand heute:

Erhalten ist das von der Straße zurückgesetzte, zweigeschossige, heute sanierte ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der Commichaus in der Braunschweiger Str. 98, mit seinem linksseitigen Anbau.
Das Fabrikgelände lag hinter dem Wohngebäude, begrenzt von den Bebauungen am Eiskellerplatz, der Rottersdorfer Straße und der Braunschweiger Straße. Die Zufahrt befand sich rechts neben dem Wohnhaus, an der Braunschweiger Straße. Von den alten Fabrikgebäuden ist nicht mehr viel erhalten. Eine alte, aus Ziegelmauerwerk errichtete Fabrikhalle dürfte noch ein Überbleibsel sein. Heute wird darin die "Markthalle" (Rottersdorfer Str. 1b) betrieben. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände ist eine KFZ-Reparaturwerkstatt angesiedelt.

Anbauan  Braunschweiger Straße 98
Braunschweiger Straße 98, Anbau (links).
Wohnhaus Braunschweiger Straße 98
Wohngebäude Braunschweiger Straße 98.
[Aufgenommen im März 2014]
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