Die Industriegeschichte Sudenburgs

Firmenblatt: Bearbeitungsstand: 13.06.2017

Gebrüder Commichau, Maschinenfabrik

"Spezialfabrik für Transportanlagen"

Firmendaten:

Gründung - Ende: 1890 - >1940
Gründer: ? Gotthard Commichau (* ????, † ????)
? Rudolf Commichau (* ????, † ????)
Standort(e): Braunschweiger Straße 98, Magdeburg-Sudenburg
Ab 1905 Zweitwerk in Nestomitz bei Aussig (heute Tschechien)
Produkt(e): Transportanlagen, Transportschnecken
Bemerkungen: Über die Fabrik(en) ist bisher wenig bekannt. Es finden sich hauptsächlich Werbeanzeigen und Patentanmeldungen aus der Zeit zwischen 1890 und 1910. 

Firmenchronik:

Jahr: Ereignis:
1890 Gründung der Maschinenfabrik Gebrüder Commichau in Magdeburg-Sudenburg, Braunschweiger Str. 98.
Diverse Patente von Gotthard und Rudolf Commichau bezeugen die Innovativität des Unternehmens. Ihre Erfindungen zu Schmierung und Fördertechnik lassen sie nicht nur im deutschen Reich, sondern zum Teil auch in England und den USA patentieren. In Fachbüchern und Lexika sind bis ca. 1910 immer wieder Maschinen und Innovationen der Commichaus beschrieben.

29.05.: Gotthard Commichau reicht ein Patent über "Flexible Rohre" ein (D.R.P 55692), auch in England (1890) und den USA (1892).

21.06.: Gotthard Commichau patentiert ein "Drosselventil mit durch die Spannungsdifferenz sich stellendem Durchgangsquerschnitt" (D.R.P 56532)
1900 Werbeanzeige:

Werbeanzeige Gebrüder Commichau 1900
Quelle: "Verzeichnis der Rübenzuckerfabriken und Zuckerraffinerien im deutschen Reiche...",
Rathke's Verlagsbuchhandlung, Magdeburg, 1900
1903 17.07.: Rudolf Commichau patentiert ein "Saatleitungsrohr aus spiralförmigem Blechstreifen für Drillmaschinen",
D.R.P. 162538.

Werbeanzeige Gebrüder Commichau 1908
Werbeanzeige von 1908.
Bild: Archiv Sudenburg-Chronik
1905 Gründung eines Zweitwerkes in Nestomitz (Nord-Böhmen)
Die Gebrüder Commichau gründen ein zweites Werk in Nestomitz an der Elbe, nahe Aussig. Ort und Region gehören zu dieser Zeit zu Österreich-Ungarn. Die Fabrik wird in einem alten Mühlenbetrieb eingerichtet, der dort erworben wurde. Fabrikdirektor wird Alfred Spahn, der zuvor (ab 1903) die Firmenvertretung in Aussig leitete. Wie im Sudenburger Stammwerk werden auch in Nestomitz erfolgreich Transportanlagen produziert. [1]
Anm: Die Region gehört heute zu Tschechien. Nestomitz (Neśtěmice) ist heute ein Stadtteil von Aussig (Ústí nad Labem).
1905 17.06.: Gotthard Commichau patentiert eine "Brech-Mühle" (Zerkleinerungsmühle), zumindest in den USA.
1906 Eine Werbeanzeige von 1906 belegt auch das Zweitwerk in Nestromitz:

Werbeanzeige Gebrüder Commichau 1906
Bild: Archiv Sudenburg-Chronik
1910 Nach 1910 wird es still um das Unternehmen, das jedoch fortbesteht. Die Gründe sind unklar. Werbeanzeigen und Patentanmeldungen sind nicht mehr (?) zu finden. Ob ggf. die innivativen Köpfe Rudolf und Gotthard Commichau in dieser Zeit aus dem Unternehmen ausschieden ist ungeklärt.
Im Jahr 1907 hatte bereits Georg Becker das Unternehmen verlassen, der in der Fabrik nach kaufmännische Lehre bis zum Geschäftsführer aufgestiegen war. 1911 gründet dieser ebenfalls in Sudenburg die Maschinenfabrik Georg Becker & Co. und stellt sehr erfolgreich Transportanlagen her.
1911 Verkauf des Zweitwerkes
Fabrikdirektor Alfred Spahn wird Alleininhaber des Zweitwerkes in Nestomitz. Zuvor war er bereits stiller Teilhaber. Den Firmennamen behält er bei, was eine undatierte Siegelmarke belegt:

Siegelmarke Commichau Nestomitz
Bild: Archiv Sudenburg-Chronik

Die Produktion wird unter dem neuen Eigentümer erfolgreich fortgeführt. 1912 lässt sich Spahn auf der Anhöhe hinter der Fabrik eine auffällige, ungewöhnliche Villa errichten, die das nachfolgende Bild zeigt:

Berg & Klaue Werbeanzeige 1922
Aufnahme der "Maschinenfabrik Gebrüder Commichau" und der "Villa Spahn" in Nestomitz nach 1912.
[Bildquelle: www.usti-aussig.net]

Die Fabrik produziert bis 1933, dann ist sie Pleite.Neben der Weltwirtschaftskrise war wohl auch Spahns ausschweifender Lebensstil dafür verantwortlich. Spahn, pleite und auch unheilbar erkrankt, nimmt sich noch im selben Jahr während eines Kuraufenthaltes bei Dresden das Leben. Er hinterlässt neben Frau und zwei Kindern einen riesigen Schuldenberg von über 6 Millionen Kronen. [1]
1927 Magdeburger Adressbuch 1927:

Handelsregister (Teil IV im Adr. 1927):
Gebr. Commichau, Masch.-Fabrik,
Braunschweiger Str. 98,
Inh. Ingenieur Gotthard Commichau.
Prok. Erich Schenk u. Otto Commichau.

Braunschweiger Str. 98
Eigentümer: Commichau, G., Fabrikbesitzer
Commichau, Gebr., Maschinenfabrik Erdg.

Anm.: Die Firma wird im Adressbuch nur noch mit dem Text "Maschinenfabrik Gebrüder Commichau" geführt. Es gibt keine Hinweise auf die Herstellung von Förderanlagen. Auch sind keine aufwändigeren Werbeanzeigen im Adressbuch vorhanden. Es ist unklar, was die Fabrik zu dieser Zeit produzierte.
1932 Magdeburger Adressbuch 1932: Braunschweiger Str. 98
Gebrüder Commichau, Maschinenfabrik
Eigentümer:
E. Commichau, Antonie, Frl.
E. Commichau, Otto, Kfm.
E. Commichau, Stephanie, Frl.
1939/40 Magdeburger Adressbuch 1939 und 1940: Braunschweiger Str. 98
Gebrüder Commichau, Maschinenfabrik
Eigentümer:
E. Commichau, Antonie, Frl.
E. Commichau, Otto, Kfm.
E. Commichau, Stephanie, Frl.
(Busse, M., Ww)
???? Ende der Fabrik? Konkurs? Enteignung?
1950 Magdeburger Adressbuch 1950/51: Braunschweiger Str. 98
Die Maschinenfabrik ist nicht mehr geführt.
Eigentümer des Grundstücks ist nun der Ingenieur O. Schmidt.
Nur noch "Commichau, St.," ist als Mieterin aufgeführt.

Quellen:

Stand heute:

Erhalten ist das von der Straße zurückgesetzte, zweigeschossige, heute sanierte ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der Commichaus in der Braunschweiger Str. 98, mit seinem linksseitigen Anbau.
Das Fabrikgelände lag hinter dem Wohngebäude, begrenzt von den Bebauungen am Eiskellerplatz, der Rottersdorfer Straße und der Braunschweiger Straße. Die Zufahrt befand sich rechts neben dem Wohnhaus, an der Braunschweiger Straße. Von den alten Fabrikgebäuden ist nicht mehr viel erhalten. Eine alte, aus Ziegelmauerwerk errichtete Fabrikhalle dürfte noch ein Überbleibsel sein. Heute wird darin die "Markthalle" (Rottersdorfer Str. 1b) betrieben. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände ist eine KFZ-Reparaturwerkstatt angesiedelt.

Anbauan  Braunschweiger Straße 98
Braunschweiger Straße 98, Anbau (links).
Wohnhaus Braunschweiger Straße 98
Wohngebäude Braunschweiger Straße 98.
[Aufgenommen im März 2014]
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