Die Industriegeschichte Sudenburgs

Firmenblatt: Bearbeitungsstand: 11.02.2019

E. Bendel

Gasmotorenfabrik und Eisengießerei

Firmendaten:

Gründung - Ende: 1882 - 1913
Gründer: Eduard Bendel (* ????, † ????)
Standort(e): 1882 - 1888: Breite Weg 30a (heute Halberstädter Straße 77)
1888 - 1913: Werk 1: Lemsdorfer Weg 18 (vormals 9 bzw. 7-9)
1896 - 1913: Werk 2: Fichtestraße 29a (ehem. Fortverbindungsweg)
Produkt(e): Dampfmaschinen, Standmotoren, Gasmotoren, Maschinen für die Zuckerindustrie, Transmissionsanlagen [4]
Bemerkungen: Ein funktionstüchtiger Motor der Fa. Bendel wird im Technikmuseum Magdeburg ausgestellt.

Firmenchronik:

Jahr: Ereignis:
1882 Firmengründung
Schlossermeister Eduard Bendel übernimmt eine Schlosserwerkstatt auf dem Grundstück Breiter Weg 30a (heute Halberstädter Straße 77) und gründet eine Reparaturwerkstatt für Zuckerfabriken. [6]
Um 1860 gehörte das Grundstück den Gebrüdern Röder. An der Straße befand sich ein Fachwerkwohnhaus, in dem 1880 vierzehn Familien lebten. Hinter dem Haus befand sich die Schlosserei, die mit einer Lokomobile von 3 PS betrieben wurde. [5]
1888 Umzug in den Lemsdorfer Weg (Werk I).
E. Bendel expandiert und gründet auf dem Grundstück Lemsdorfer Weg 7 (heute 18) eine Maschinenfabrik. Das Grundstück umfasst die Hausnummern 7-9 (heute 18, 20 und 22). Die Fabrik entstand auf Nr. 7 (heute 18). Vorne an der Straße rechts ein Kontorgebäude, links daneben die Zufahrt. Die Werkhallen lagen auf dem hinteren Teil des Grundstücks und zogen sich bis auf das Grundstück Nr. 8 (heute 20). Das Grundstück Nr. 8 (20) wurde an der Straße mit einem zweigeschossigen Mehrfamilienwohnhaus bebaut. Auf dem Grundstück 9 (22), Eckgrundstück zum Königsweg (heute Salzmannstr.) entstand ein 4,5-geschossiges Gründerzeitwohnhaus. Ein Eingang zum Lemsdorfer Weg, ein zweiter zum Königsweg (heute Salzmannstr. 2). Hinter dem Haus (heute Salzmannstr. 4 und 6) befand sich ein Garten.
Bis heute ist diese Grundstücksfläche unbebaut.
1895/96 Neues Fabrikgebäude in der heutigen Fichtestraße (Werk II).
Bendel hatte sich nach einer Planung des Sudenburger Architekten und Baumeisters Max Behrend ein neues Fabrikgebäude am Fortverbindungsweg (heute Fichtestraße 29a) in der Nähe des Sudenburger Bahnhofes errichten lassen. Das durchgängig dreischiffige, 120 Meter lange Gebäude, wurden im damals üblichen Industriearchitekturstil errichtet: Die Außenwände aus massivem Ziegelsteinmauerwerk, das innere Tragwerk aus einer genieteten Stahltragkonstruktion. [1]
Anm.: Das später mehrfach umgebaute Industriegebäude steht heute unter Denkmalschutz.

Foto Fabrik Fichtestraße 29a
Denkmalgeschütztes Fabrikgebäude "Fichtestraße 29a"
[Aufgenommen im Dez. 2012].
1896 Die Volksstimme berichtet am Mittwoch den 02.12.1896 über folgenden unschönen Vorfall:
"In der Fabrik von E. Bendel wurde vor nicht langer Zeit der Lehrling H. in geradezu unmenschlicher Weise gezüchtigt wegen eines geringfügigen Vergehens. Die Züchtigung wurde von dem Herrn Bendel und dessen Neffen, dem Gesellen Roth vollzogen. Unter hier nicht wiederzugebenden Aeußerungen züchtigte Roth den Lehrling derart, daß der Geselle desselben dazwischentreten und die Schläge auf Kopf und Rücken abwehren mußte, während Herr Bendel dem Lehrling eine Anzahl Hiebe mit einer Peitsche verabreichte. Da die Angelegenheit ein gerichtliches Nachspiel haben wird, können wir uns heute einer Schilderung dieser eines Menschen unwürdigen Behandlung ersparen."
Bei dem hier genannten Neffen von Eduard Bendel handelt es sich um Ferdinand Roth, der nach 1913 mit den Patenten und dem Knowhow der Fa. Bendel eine eigene Firma gründet. Der Wahrheitsgehalt des Artikels läßt sich hier nicht klären, wirft so aber kein gutes Licht auf Bendel und Roth. Unklar ist auch der Ort des geschilderten Vorfalls: Firmenstandort Fichtestraße oder Lemsdorfer Weg?
1899
Patent Bendel von 1899
Patent zur Ausführung von Zentrifugen für die Zuckerindustrie.
[Bildquelle: Archiv T. Garde]
1902 Patenterteilung Kl. 6 a. 139 563:
Tiefbohrvorrichtung. Fa. E. Bendel, Magdeburg-Sudenburg. - 11.04.1902.
1903 "Gewerbegericht Magdeburg, Sitzung vom 18. Juni 1903:
Der Tischlermeister Roth klagt gegen die Maschinenfabrik Bendel, vertreten durch Obermeister Schröder, auf die Bezahlung von 240 Mark. Der Kläger wird kostenpflichtig abgewiesen, da er zum Obermeister gesagt hat, er habe ihn nicht zu Kommandieren."
[Quelle: Volksstimme 1903-141]
1904 Zweigbüro in Berlin.
Der Ingenieur Alphons Heinze führt als Technischer Direktor das Berliner Zweigbüro der E. Bendelschen Maschinenfabrik. Seine Berliner Adresse lautet Schlüterstraße 23, Charlottenburg.
Wie lange das Berliner Zweigbüro bestand, ist unbekannt. Heinze ist von 1904 bis 1906 als techn. Direktor in Berlin geführt. Zuvor (mind. 1900 bis 1903) war er Direktor der Fürstlich Stolbergschen Maschinenfabrik, Magdeburg.
[Quelle: Mitgliederverzeichnisse des VDI 1900 bis 1906]
1904 Patentanmeldung Kl. 81a. B 33 025:
Verfahren zum Trocknen von gekörntem Zucker.
Fa. E. Bendel, Magdeburg-Sudenburg. - 20.11.1902 (aus Reichsanzeiger vom 20.05.1904)
[Quelle: Angewandte Chemie, 17. Jahrgang, Nr. 24 vom 10. Juni 1904] Online
1904 Patentanmeldung Kl. 81c. 38 829:
Selbsttätige Förder-und Abladevorrichtung mit einem durch ein endloses Seil bewegten, auf der Strecke selbsttätig umkehrenden Wagen.
Fa. E. Bendel, Magdeburg-Sudenburg. - 24.12.1904
[Quelle: Glückauf, Berg- und Hüttenmännische Zeitschrift., Essen (Ruhr), 13. Januar 1906] Online
1905
Werbung Bendel von 1905
Werbeanzeige E. Bendel "Sauggas-Motor-Anlagen" von 1905.
[Bildquelle: Archiv T. Garde]
1905 Der Ingenieur Karl Ohlms ist Oberingenieur bei E. Bendel.
Er bleibt auf diesem Posten bis mindestens 1914.
[Quelle: Mitgliederverzeichnisse des VDI 1905 bis 1914]
1906 Zwei weitere Ingenieure geben in diesem Jahr bei Firma E. Bendel ein kurzes Gastspiel:
Carl Schlessing wird (wie 1905 Carl Ohlms) als Oberingenieur eingestellt, verläßt das Unternehmen aber wieder. Bereits 1907 ist er als Zivilingenieur in Firma Hugo Hökendorf, Langfuhr geführt.
Otto Büse hat 1906 als "Ingenieur der Gasmotorenfabrik E. Bendel, Magdeburg-S." ebenfalls einen Kurzeinsatz. 1907 ist er nicht mehr in der Firma und Magdeburg, sondern als Ingenieur (ohne Firmenangabe) in Barmen, Oberdörner Str. 37 gemeldet.
[Quelle: Mitgliederverzeichnisse des VDI 1906 und 1907]
1906 Die Volksstimme vom 27.07.1906 berichtet:
"Achtung Modelltischler! Die Maschinenfabrik Bendel in Sudenburg sucht heute im "General-Anzeiger" zur Abwechslung wieder einmal Modelltischler. Der Betrieb gehört aber zu denjenigen, welche nicht mehr wie alles zu wünschen übrig lassen. Stundenlöhne von 35 Pfg. gehören nicht zu den Seltenheiten. Das Ueberstundenwesen ist an der Tagesordnung, weil der Betriebsleiter Roth - ein Neffe des Herrn Bendel - der Meinung ist, den elenden Verdienst durch lange Arbeitszeit erhöhen zu müssen. Ueber das Unvernünftige dieser Handlungsweise ist sich der Herr aber ebensowenig klar als über die Berechtigung der Behandlung, welche er den Arbeitern zuteil werden läßt. Doch hiermit beschäftigen wir uns vielleicht das nächste Mal. Der Herr Fabrikinspektor interessiert sich am Ende auch einmal für diese Tischlerwerkstatt. Eine Wascheinrichtung ist etwas Unbekanntes. Bei der geringen Bewegung wird entsetzlicher Staub aufgewirbelt. Eine Badeanstalt wäre hier fo notwendig wie nur irgend etwas. Der Fabrikbesitzer Bendel und sein Neffe, Herr Roth, welche alle diese Reinigungseinrichtungen in ihren Villen Und Palästen für sich haben, sind aber der Meinung, daß die Arbeiter, wenn ihnen dieser Schmutz nicht gefällt, das Volksbad, das so bequem vor der Fabrik erbaut wurde, benutzen können. Die Modelltischler haben also alle Ursache, diese Musterwerkstatt aus obrigen Gründen zu meiden."
  Die Volksstimme vom 12.08.1906 berichtet:
Der Modelltischler Robert Gratzé hat sich am Freitag Nachmittag (Anm.: 10.08.) in der Maschinenfabrik von E. Bendel, Lemsdorferweg 9, an der Hobelmaschine drei Finger der rechten Hand verletzt. Er fand im Sudenburger Krankenhaus Aufnahme.
Diese Meldungen besagen
- dass neben der neuen Fabrik in der Fichtestraße auch der Standort am Lemsdorfer Weg weiterhin betrieben wird.
- dass Bendels Neffe Ferdinand Roth inzwischen zum Betriebsleiter aufgestiegen ist.
- dass die Arbeitsbedingungen bei Bendel, zumindest in der Modelltischlerei, nicht sehr gut waren.
1907 Umbau der Zuckerfabrik Heilbronn
Neben E. Bendel ist die Maschinenfabrik Grevenbroich an diesem Umbau beteiligt. [4]
1907 Der Ingenieur Eug. M. Voelkel wird (wie Karl Ohlms) als Oberingenieur bei E. Bendel eingestellt.
Er ist auf diesem Posten nur 1907 und 1908 geführt.
Ab 1909 ist er beim VDI nicht mehr geführt. Voelkel war, wie Alphons Heinze, von 1900 bis 1903 bei der Fürstlich Stolbergschen Maschinenfabrik in Magdeburg tätig, die abgewickelt und 1907 liquidiert wurde. 1904 war er tätig als "Ingenieur und Bureauchef" der Maschinenfabrik vorm. J. Nagel AG, Karlsruhe, 1905 als "Bureauchef" der Sangerhäser Akt.-Maschinenfabrik vorm. Hornung & Rabe, Sangerhausen. 1906 ist er dann (ohne Firmenangabe) als Ingenieur in Magdeburg-Sudenburg, Halberstädter Str. 25, verzeichnet.
[Quelle: Mitgliederverzeichnisse des VDI 1900 bis 1909]
1910
Werbung Bendel von 1910
Werbeanzeige E. Bendel "Motoren für Sauggas und flüssige Brennstoffe" von 1910.
[Bildquelle: Archiv T. Garde]
1911
Werbung Bendel Schiffswindenmotor
Werbeanzeige "Bendel*s Schiffswinden-Motor" von 1911.
[Bildquelle: Archiv T. Garde]
1911
Werbung Bendel von 1911
Werbeanzeige der E. Bendel Gasmotorenfabrik und Eisengießerei von 1911.
[Bildquelle: Archiv T. Garde]
1911-16 Akten im Landesarchiv Baden-Würtemberg:
Findbuch N Haselwander: Friedrich August Haselwander (1859-1932): Ingenieur und Erfinder
3.2.8 Zusammenarbeit mit der Gasmotorenfabrik E. Bendel, Magdeburg:
- N Haselwander Nr. 220: Optionsvertrag zwischen Haselwander und der Firma Bendel, 20. September 1911
- N Haselwander Nr. 221: Korrespondenz mit der Firma Bendel über die Umwandlung der Firma in eine Gesellschaft zur Herstellung von Haselwander-Motoren, 1912
- N Haselwander Nr. 222: Handakten von Rechtsanwalt Dr. Waldemar Klinkowström in Sachen der Firma Bendel gegen Haselwander wegen einer Forderung von 400 Mark, 1913-1916
[Findbuch ONLINE]

1911 begannen scheinbar Verhandlungen über eine Umwandlung der Firma E. Bendel zu einem Hersteller von Motoren der Firma Haselwander, die aber letztendlich scheiterten und im Streit endeten. Möglicherweise startete Bendel hier einen ersten Versuch, sich aus dem Geschäft zurück zu ziehen. Ob die Initiative von Bendel oder Haselwander ausging, ist ohne Akteneinsicht nicht zu klären.
1913 Eduard Bendel verkauft aus Altersgründen die Fabrik, da er keinen direkten Nachfolger hat. [2]

Die älteren Lehrlinge der Fabrik werden von der Sudenburger Mühlenbauanstalt, A. Krösch & Co. (Buckauer Str. 17) übernommen, wie aus einem Schreiben vom 01.07.1913 (Krösch an die Handwerkskammer) hervorgeht. [6]


F. Roth, Maschinenfabrik und Reparaturwerkstatt

Werkleiter Ferdinand Roth, Bendels Neffe, sichert sich zumindest die Patente der Firma und eröffnet 1915 in der Buckauer Straße 17 eine eigene Firma. Etwa 1917/18 verlegt er diese in den Königsweg 9a (heute Salzmannstaße 28). Unter eigenem Namen stellt F. Roth weiterhin Bendel-Motoren her. [6]
   
  Weitere Nutzung des Standortes Lemsdorfer Weg 18:

Gebrüder Ufer GmbH Feilenfabrik

Die Nutzung zwischen 1913 und 1927 ist unklar. Wahrscheinlich werden die Grundstücke direkt von der Gebrüder Ufer GmbH übernommen. Die Ufers verkauften 1913 ihre an der Halberstädter Straße betriebene Feilenfabrik und machten wohl in kleinerem Maßstab als GmbH am Lemsdorfer Weg weiter.

1935 oder 1936 erfolgt eine Neunummerierung des Lemsdorfer Weg. Aus den Nummern 7, 8 und 9 werden 18, 20 und 22. Zu dieser Zeit wird die Feilenfabrik auch stillgelegt.


O.K. Bley Maschinenfabrik und Zylinderschleiferei

1937 kauft O.K. Bley das Grundstück Nr. 18 und bezieht es mit seiner Maschinenfabrik und Zylinderschleiferei. Nr. 20 und 22 verbleiben im Besitz der Feilenfabrik Gebr. Ufer GmbH. Im Adressbuch von 1950/51 ist O.K. Bley auch Besitzer des Mietshauses Nr. 20. Die Feilenfabrik wird nicht mehr geführt.
   
  Weitere Nutzung des Standortes Fichtestraße 29a:

"Junkers Motorenbau GmbH"
Das Grundstück und das Fabrikgebäude Fichtestraße 29a werden an den späteren Flugpionier Hugo Junkers verkauft. Am 13.07.1913 nimmt am Standort die "Junkers Motorenbau GmbH" die Arbeit auf, die Otto-Motoren produzierte, entwickelte und verbesserte. 1919 wird die Produktion ins Stammwerk nach Dessau verlegt. [3]
Anm.: Die Homepage von Junkers und andere Quellen geben an, dass die Junkerschen Unternehmungen bereits 1915 am Stammsitz Dessau zusammengelegt wurden. Die Motorenproduktion in Sudenburger wird also bereits 1914/15 aufgegeben worden sein.

Ergon Motoren- und Gasgeneratorenfabrik GmbH / Mitteldeutsche Motorpflug GmbH
1914: Gründung der Ergon Motoren- und Gasgeneratorenfabrik GmbH am Standort Fichtestraße 29a.
1916: Adr1917: Ergon Motoren- und Gasgeneratorenfabrik, G. m. b. H., Stammkapital 50.000 M, Fichtestr. 29a, Geschäftsf. Richard Fleischer, Ingenieur.
1918 umgewandelt in die Mitteldeutsche Motorpflug GmbH:
"More German Ploughs.
The growing need for motor ploughs in Germany, brought about by the lack of labour, is proved by the formation' of a new company, the Ergon Motor and Gas Generator Co., Ltd. in Magdeburg, having been transformed into the Middle German Motor Plough Co., Ltd. They are to manufacture and operate on big lines motor ploughs, agricultural machinery, steam,,plooghs, etc."

Quelle: WHEELS OF INDUSTRY - FRY., 31st January 1918, Page 4 Online

Adr1920, Fichtestr. 29a:
E. Mitteldeutsche Motorpflug A.G.
Mitteldeutsche Maschinenbau-Gesellschaft
Was aus diesen Firmen wurde ist unklar.

Georg Becker & Co. und Gebr. Becker & Co.

1919 kauft der Unternehmer Georg Becker die Fabrik und produziert zusätzlich an diesem Standort mit seinen Unternehmen Georg Becker & Co. und Gebr. Becker & Co. Transportanlagen bzw. Transportgeräte.
Becker nutzt den Standort bis 1935.

Anschließend übernimmt die Firma Polte das Areal und produziert bis Kriegsende (1945) am Standort Geschosshülsen.

Nach 1945, bis zur Wende, nutzt der VEB Brauerei- und Kellereimaschinen Magdeburg (BKM) das Gelände.

Quellen:

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