Die Industriegeschichte Sudenburgs

Die Zichorie

Alles begann mit der Erkenntnis, dass sich aus der unscheinbaren Wurzel der Zichorie ein kaffeeähnliches Produkt herstellen läßt. Als Erfinder dieses Ersatzkaffees gelten der Major Christian von Heine (Holzminden) und der Gastwirt Christian Gottlieb Förster (Braunschweig), denen 1869/70 die ersten Konzessionen zur Herstellung von Zichorienkaffee in Berlin und Braunschweig erteilt wurden.
Die erste Sudenburger Zichorienfabrik wurde 1788 von den Magdeburger Kaufleuten Reinhardt & Helle angelegt. Viele weitere sollten folgen.


Zichorienfabrik Bleibtreu, Braunschweig
Zichorienfabrik Bleibtreu, Braunschweig (1801-1875), Lithografie. Original: Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel. Bildquelle: Wikipedia

Die Herstellung:
Im ersten Produktionsschritt werden die Wurzeln der Zichorie gereinigt, in kleine Würfel geschnitten und an der Luft getrocknet. Unter Zufuhr von Hitze werden die Wurzeln getrocknet (gedarrt), wobei sie ca. 75 % ihrer Feuchtigkeit verlieren. Nach dem "darren" werden sie noch bis zu 3 Monate trocken gelagert, bevor sie weiterverarbeitet werden können.
Im zweiten Produktionsschritt werden die getrockneten Zichorien in Brenntrommeln bei ca. 120 °C geröstet, wobei der Saft der Zichorie karamellisiert und ein kaffeeähnlicher Geschmack entsteht. Nach Abkühlen werden die gerösteten Wurzeln zu einem feinen Pulver zermalen. Vermischt mit Speiseölen, Carbonaten, Melasse und Zucker entsteht das karamellbraune Endprodukt: Zichorienkaffee.
Betriebe die sich auf den ersten Arbeitsschritt beschränkten, bezeichnet man als Zichoriendarren. Sie lieferten ihr Zwischenprodukt an die Zichorienfabriken, die die Weiterverarbeitung übernahmen.

Diente das erste hergestellte Zichorienpulver noch als (Bitterstoff-)Zusatz zum Luxusgut Bohnenkaffee, so wurde der günstige Zichorienkaffee zunehmend zur beliebten Kaffeealternative für den schmaleren Geldbeutel. Durch die am 21.11.1806 von Napoleon verhängte Kontinentalsperre und die dadurch ausbleibenden Kaffeeimporte schnellte die Nachfrage nach der einheimische Alternative aus der Zichorienwurzel weiter in die Höhe. Die stetig steigende Nachfrage nach diesem günstigen Ersatzkaffee war so groß, dass man ihr kaum Herr werden konnte. Neue Betriebe entstanden und viele Bauern spezialisierten sich auf den Anbau der Zichorie. Vielfach findet sich nun für diese Gruppe die Berufsbezeichnung "Cichoriencultivator".

War die Herstellung anfangs noch größtenteils Handarbeit, so entwickelte sich nach und nach eine arbeitsteilige Großproduktion. Mit Einführung der Dampfmaschine wurde der Verarbeitungsprozess weiter automatisiert. Die ständig wachsende Produktion führte immer mehr Arbeiter nach Sudenburg, die in den Betrieben Arbeit fanden. Anders als in den Zuckerfabriken, in denen fast nur Männer beschäftigt wurden, lag der Frauenanteil in den Zichorienfabriken bei fast 50 %. Auch Kinderarbeit war in den Betrieben die Regel.
Der Wohnungsbau in Sudenburg konnte mit dem Zuzug der Arbeiterfamilien nicht schritthalten, was teilweise zu sehr schlimmen Wohnverhältnissen führte. Bei einer Kontrolle der Krakau'schen Darre an der heutigen Salzmannstraße wurde entdeckt, dass um die 30 Personen auf den Dachböden über den Darrengebäuden nächtigten. Ein sehr gefährliche Angelegenheit, denn es kam nicht selten vor, dass Darrengebäude niederbrannten und wieder aufgebaut werden mussten.

Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich der Geschmack wieder zum Bohnenkaffee gewandelt und der alternative Malzkaffee wurde in der Bevölkerung immer beliebter. Die Zeit der Zichorie war vorbei. Durch die stetig sinkende Nachfrage wurden die Zichoriendarren und -fabriken nach und nach aufgegeben, die Produktionsgebäude abgerissen.
Heute gibt es in Sudenburg keinerlei bauliche Zeugnisse dieser Betriebe mehr.

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aktualisiert: 27.07.2015